Das Alte Kreishaus - ein Haus der Geschichte

Zur Geschichte und Funktion des Gebäudes: Das Alte Kreishaus am Marktplatz mitten auf der Insel in Ratzeburg wurde in den Jahren von 1726 bis 1728 von dem lübschen Baumeister Joseph-Wilhelm Petrini gebaut.

Von jeher hat es als "Behördenhaus" gedient, wenn auch im Laufe der Jahre für unterschiedliche Institutionen. Dazu zählten nach und nach die Regierungskanzlei, das Kreisgericht und ab 1882 die Verwaltung des Kreises Herzogtum Lauenburg. Im Wesentlichen ist dies auch heute noch der Fall, allerdings zog der überwiegende Teil der heutigen Kreisverwaltung 1982 in das neu errichtete Gebäude in der Barlachstraße in Ratzeburg.

Seitdem wurden die hiesigen Räume unterschiedlich genutzt, zur Zeit sind neben dem Kreisarchiv die Kreismusikschule, der Zweckverband Schaalsee, das Rechnungs- und Prüfungsamt des Kreises, der Kreispräsident und die Fraktionsräume für die im Kreistag vertretenen Parteien untergebracht.

Der Sitzungssaal:  Der Kreistag nutzte diesen Raum bereits seit 1884 als Sitzungssaal. Im Jahr 1909 beschloss man, diesen Saal seiner Bedeutung entsprechend zu gestalten, d.h., ihm ein würdigeres und repräsentativeres Aussehen zu geben. Dazu gehörte die Erneuerung der Decken- und Wandflächen, sowie des Fußbodens. Nach Abwägung verschiedener Vorschläge, entschied man sich 1913/1914 bei der Verzierung der bislang kahlen Wände, eine Teppichwirkerei in Ober-Schreiberhaus in Schlesien mit der Darstellung lauenburgischer Geschichte auf Wandteppichen zu beauftragen. Die ganze Zeit während des Ersten Weltkrieges arbeitete die Künstlerin Wanda Bibrowicz an den Teppichen und beendete ihre Arbeit erst in Schloss Pillnitz bei Dresden, nachdem sie nach Kriegsende Schlesien verlassen musste. Bis zum Januar 1922 dauerte es, dass die Teppiche in Ratzeburg ankamen, wegen ihres künstlerischen Wertes wurden sie vorher im Kunstgewerbemuseum Berlin und im Altonaer Museum ausgestellt.

Leitthema der Wandteppiche wurden Aspekte der lauenburgischen Geschichte. Dazu zählten die Kolonisierung der Germanen und die Einführung des Christentums um die Mitte des 12. Jahrhunderts, lauenburgische Städte, die Jagd und der lauenburgische Adel.           
 
Wandteppich mit einem Motiv  zur Christianisierung in der Zeit von Heinrich dem Löwen

 Zur Verdeutlichung der Kolonisierung der Germanen wird der Sachsenherzog Heinrich der Löwe in Begleitung einiger Ritter dargestellt. Vor ihm kniet der erste Graf von Ratzeburg, Heinrich von Badewide, während neben ihm der erste Bischof des Bistums Ratzeburg, Evermodus, zur Taufe geführt wird.


Die Längsfront des Saales wird von drei Teppichen geziert, die typische und unverwechselbare Motive der alten lauenburgischen Städte Ratzeburg (mit Dom), Lauenburg (an der Elbe) Wandteppich mit einer Stadtansicht von Lauenburg an der Elbe

 und Mölln (mit Nikolaikirche) darstellen. Über der Eingangstür sieht man Szenen aus der Jagd, auch diese für Lauenburg typisch und mit einer langen Tradition behaftet. In diesem fall handelt es sich um die Beizjagd, einer jagdart, die im Mittelalter mit Hilfe eines reihers ausgeübt wurde. Einen gezähmten Raubvogel - meist ein Falke - hielt der Jäger auf seiner Faust, von wo er sich auf das jagende Wild stürzte. Zwischen den Fenstern zum Marktplatz befinden sich die Teppiche mit den Wappen lauenburgischer Adelsfamilien, ergänzt von dem Wappen der Askanier, dem Geschlecht, das bis zu ihrem Aussterben im Jahr 1689 den  lauenburgischen Herzog stellte.     

 Wieso eine Bismarcknische?            Die Verbindung zwischen Fürst Otto von Bismarck und dem Herzogtum Lauenburg.                            

Sofort nachdem das Herzogtum Lauenburg gemäß der Konvention von Gastein 1865 mit dem Königreich Preußen in Personalunion verbunden worden war, machte König Wilhelm I. von Bismarck zum preußischen Minister für lauenburgische Angelegenheiten. Von Anfang an verfolgte der preußische König die Absicht, das souveräne Herzogtum in seinen Staat vollständig zu integrieren. Bismarck verhandelte von 1865 bis 1876 mit den lauenburgischen Ständen um die Konditionen für eine völlige Eingliederung dieses Territoriums. Seine Einschätzung über die politischen Zustände Lauenburgs war nicht gerade schmeichelhaft: "Lauenburg ist in vielen Zügen und ganz besonders im Finanzwesen heute noch ein Miniaturbild des Mittelalters ... und die Verhältnisse so verschieden von dem Organismus des modernen Staates, so fremd die Vorstellungen, in denen wir uns bewegen, so dass wir uns nicht auf dem Boden befinden, auf dem heutige Staaten stehen." So negativ der Beigeschmack eines solchen Satzes wirken mag, Bismarck hegte von Anfang an Sympathien für diesen Landstrich, welche sich in den jahrelangen Verhandlungen immer wieder zeigten.

In Anerkennung für seine Verdienste um das Zustandekommen des Deutschen Reiches schenkte der preußische König Bismarck am 24. Juni 1871 einen Teil des dem König zustehenden lauenburgischen Domanialbesitzes. Dieser Teil bestand aus dem herzoglichen Grundbesitz im Amt Schwarzenbek, wozu auch der Sachsenwald gehörte. Die Verleihung dieses "Dotationsbesitzes" verstärkte ganz wesentlich die privaten Beziehungen von Bismarcks zum Herzogtum Lauenburg. Um künftig als "landtagsfähiges" Gut geführt werden zu können, erhob Wilhelm I. in seiner Funktion als Landesherr den Besitz im Amt Schwarzenbek zum Rittergut, wozu die lauenburgische Ritter- und Landschaft ihre Zustimmung erteilte.  Wappen der Familie von Bismarck in der sog. Bismarckecke

Nachdem Lauenburg am 1. Juli 1876 preußischer Landkreis geworden war, nahm Bismarck die Wahl zum lauenburgischen Kreistag an. In der "Bismarcknische" steht aus diesem Grund ein Sessel, der ausschließlich dem ehemaligen Reichskanzler vorbehalten war, wenn er an Kreistagssitzungen teilnahm, wozu es aber nur einmal gekommen sein soll.

Der Besitz des Sachsenwaldes hat Bismarck über seine Tätigkeit als Minister für Lauenburg hinaus mit dem Herzogtum verbunden. Das Domizil in Friedrichsruh wurde Bismarcks Ruhesitz nach seiner Demission im März 1890. Anlässlich seines Abschiedes verlieh ihm Wilhelm II. die "Würde eines Herzogs von Lauenburg". Bismarck hätte diesen Titel wohl gerne abgelehnt, doch ließ ihm eine vorzeitige Veröffentlichung keine Möglichkeit mehr dazu. Er hat diesen Titel aber nie geführt.